Pencak Silat Selbstverteidigung

Die typische Antwort auf Angriffe ist leicht und schnell, ohne den knochenbrechenden Kontakt mit dem Angreifer zu suchen. Man stellt sich der angreifenden Kraft nicht entgegen, sondern passt sich ihr an, nutzt sie für sich aus und lenkt sie in die gewollten Bahnen, um sie so besser kontrollieren zu können und dann den Angreifer im besten Moment zu bezwingen. Es ist aus der alten Tradition des Pencak Silat abgeleitet eine reine Verteidigungsmaßnahme, zu warten, bis der Angreifer handelt, um dann selbst die gewünschten Maßnahmen zu treffen. Trotzdem kommt es wie bei allen Auseinandersetzungen immer auf den Augenblick an, wie man sich entscheidet.

Pencak Silat bevorzugt das (seitliche) Ausweichen.

Die meisten Techniken des Pencak Silat verwenden einen weichen und elastischen Kampfstil, wobei die Bereitschaft, anpassungsfähig und aufmerksam zu sein, um alle Angriffe zu neutralisieren, wann immer sie auftreten, besonders zu betonen ist. Pencak Silat besitzt einen leicht erkennbaren, pulsierenden Stil. Tatsächlich kommt es manchmal vor, dass bei Übungen Trommelwirbel oder ähnliches verwendet wird. Dies hat den gleichen Effekt wie ein Metronom für einen Musiker. Zusätzlich kommt noch der Rhythmuseffekt, wie bei Kriegstrommeln, die emotionell wirken, zum tragen. Fast alle Bewegungen des Pencak Silat haben die Bewegungen der Tiere und mancher Menschen zur Grundlage. Daher ist es nicht außergewöhnlich, dass gewisse Aktionen in einem bestimmten Stil Titel wie ‚Der Priester' (pendeta) oder ‚Der Adler' (garuda) oder auch ,,Wie - der - Tiger - Stellung" (harimau) haben. Einige andere sehr beschreibende Titel sind: "Springender - Drachen-Stil" (lompat sikap naga) und ,,Spring - wie - eine - Prinzessin - und - stehe -nahe" (lompat putri bersedia). Die angeführte Weiblichkeit im letzten Beispiel ist absolut irreführend, denn diese Methode ist außergewöhnlich heftig und grausam.

Auf Grund der Natur des Pencak Silat als reiner Kampfstil gibt es auch kein Aufwärmen oder Vorbereitungsübungen, da man bei Angriffen auf diese Vorbereitungen auch keine Rücksicht nimmt.

Als Vorbereitung bei anstrengenden Übungen verwendet man Übungen, die direkt und sofort im Sinne des Silat anwendbar sind. Isolierte Übungen und Aktionen im calisthenischen Sinn (Kraft und Schnelligkeit) werden als sinnlos und als nicht notwendig betrachtet. Tatsächlich ist jemand, der die Technik des Pencak Silat beherrscht so ausgebildet, dass er jederzeit einen Angriff abwehren kann. Sein Körper muss so flexibel sein, um sofort zu reagieren. Weiche Bewegungen, die auch zum Teil aus einer hockenden Stellung kommen, setzen voraus, dass man seine Hüften und Beine sehr flexibel und stark macht. Diese Eigenschaften kann man dann am besten entwickeln, wenn man Pencak Silat zur Lebensauffassung macht. Indonesier verwenden in ihrem täglichen Leben sehr oft eine hockende Position, eine Position, welche gut entwickelte und bewegliche Beinmuskeln voraussetzt.

Die Meinung, dass Pencak Silat nur für kleine und dünnknochige Leute entwickelt wurde ist nicht richtig. Sicher, es ist sehr gut für kleine und schlanke Personen geeignet, aber viele Beispiele zeigen, dass es ebenfalls, sehr erfolgreich, von den Bergvölkern, die für ihren großen Körperbau bekannt sind, angewandt wird. Man kann etwa 120 verschiedene Stile des Pencak Silat unterscheiden, die sich auf den dreitausend Inseln Indonesiens entwickelt haben. Immerhin ist Indonesien der Welt größter Archipel und erstreckt sich vom indischen Ozean im Westen bis Neu Guinea im Osten, vom südostasiatischen Kontinent im Norden bis nach Australien im Süden. Über dieses weite Gebiet findet man die verschiedensten Formen des Pencak Silat in allen Variationen. Alle diese Formen besitzen technische Verwandtschaften, die sich aber im Laufe der Zeit, abhängig von verschieden Einflüssen in eigene Stile entwickelt haben. Diese beruhen zum Teil auf den verschiedenen geografischen und soziologischen Einflüssen. Diese Zusammenhänge sind nicht immer leicht zu erkennen, es genügt aber als Überblick, die verschiedenen Eigenheiten der Stile in ihren geografischen Regionen aufzuzeigen.

Sumatra: Bein und Fuß- Techniken (Harimau, Patai Baru und Kumango Stil)
West-Java: Hand und Arm-Techniken (Tjimande,Tjingrik und Mustika Kwitang Stil)
Zentral Java: Zusammenspiel von Arm- und Beintechniken (Setia Hati,Tapak Suci und Perisai Diri Stil)
Östliches Java, Bali und Madura: Zusammenspiel von Arm- und Beintechniken, sowie Hebel und Wurftechniken (Perisai-Diri Bhakti Negara und Pamur Stile).

Obwohl Pencak Silat von Indonesiern aller sozialen Schichten ausgeübt wird, sind es die Leute der Kampong (Dörfer), die es am meisten ausüben. Es ist ohne weiteres möglich, im tiefsten Dschungel, oder auf einer abgelegenen Insel einen Jungen oder ein Mädchen zu treffen, die den, der Region eigenen Stil vorführen können. Pencak Silat wurde entwickelt, um sich plötzlich auftretenden Problemen des täglichen Lebens besser zur Wehr setzen zu können. Es gibt keine besonderen Bekleidungsvorschriften oder sonstige Ausnahmen. Manche Stile haben aus Bequemlichkeit und zur Vereinfachung des Trainings Bekleidungen entwickelt, trotzdem gibt es auch hier keinen Standard. Jede Kleidung kann verwendet werden, um die Übungen zu absolvieren. Bei allen Übungen muss man das Hauptaugenmerk auf die Einstellung zum Kampf, des Silat, richten, und sich nach dem anerkannten Pencak Silat Training richten. Alle anderen Einstellungen verleugnen den tiefen Sinn dieser Kunst.

Dies trifft hier mehr zu, als bei den meisten Kampfformen. Es muss immer betont werden, dass die Einstellung der Seele und des Herzens von größter Wichtigkeit ist. Die Reinheit dieser Einstellung, oder wenn diese nicht vorhanden ist, zeigt sich in der Kampfweise wie ein Spiegelbild. Experten können durch bloßes Zusehen beim Training die Einstellung des Übenden feststellen. Aus diesem Grund ist das Pencak Silat nicht die aktive Disziplin der Kampfarten, wie sie den meisten japanischen zu eigen ist. Hier legt man mehr, als bei anderen Kampfsportarten das Hauptaugenmerk, die Perfektion nicht mit körperlichem Einsatz, sondern durch die richtige seelische Einstellung zu erreichen. Trotz dieser Einstellung wurde das Pencak Silat für den Zweck gegründet, sich so effektiv wie möglich zu verteidigen und ist von dem, der es beherrscht ein tödliches Mittel. Das Training zeigt den wirklichen Kampf und Einsatz und konfrontiert die Übenden damit. Sie müssen sich nicht nur mit den verschiedensten Situationen auseinandersetzen, sondern auch alles mögliche als Waffe einsetzen und sogar das Klima oder Tag und Nacht für ihren Zweck verwenden. Selbstverständlich sind auch alle Möglichkeiten des Terrains, wo der Kampf stattfindet zu berücksichtigen. All diese Dinge und Situationen vereinigt mit der vorherrschenden geistigen und emotionellen Einstellung, schaffen die Voraussetzungen für das Pencak Silat. Einen Punkt muss man besonders hervorheben: der Übende muss sich immer bewusst sein, dass er auch beim Trainieren immer wirkliche Waffen oder Dinge verwendet und dass dadurch die Verletzungsgefahr sehr groß ist.

Pencak Silat wird oft für einen Tanz gehalten.
Die Gründe dafür sind vielfältig, nicht nur ob der saloppen Übersetzung "Kunstvolles Kämpfen", sondern Silat wird auf Feiern, Veranstaltungen und Hochzeiten in einer sehr "weichen", geschmeidigen Form dargeboten. Auch im reglementierten Wettkampf, der mit vollem Kontakt ausgetragen wird, darf diese kontrollierte, tänzerische Komponente nie zu kurz kommen.

Man sollte diese Bewegungen und Stellungen aber immer streng von der tatsächlichen Anwendung in einer realen Selbstverteidigungssituation trennen. In einer bedrohlichen Situation zählt natürlich nur das möglichst schnelle und somit effektive Vorgehen.

Die Schülerpflichten beinhalten Dinge wie Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, Respekt und Durchhaltevermögen in jeder (noch so schweren) Lebenslage. Somit sollte Pencak Silat nicht nur in lebensbedrohlichen Situationen eine Hilfe sein, sondern vor allem im täglichen Leben, ohne dabei eine Ideologie sein zu wollen.

Pencak Silat kann eine Hilfestellung sein, es ist sicher nicht für jeden der geeignete Weg und auch kein Allheilmittel, aber richtig gelebt eine Möglichkeit nicht nur körperlich, sportlich sondern auch beruflich und familiär erfolgreich zu sein. Denn die gleiche Flexibilität die gefordert wird, sich einem Gegner- bzw. der Angriffssituation anzupassen, ist oft auch im Leben von Nöten um erfolgreich Probleme zu lösen. Ganz abgesehen davon, daß natürlich durch das Training eine gewisse geistige und körperlich Ausgeglichenheit und Zufriedenheit erreicht wird, die in Streßsituationen womöglich nützlich sein kann.

Das Unbekannte verursacht oft mehr Unbehagen als Neugier, doch nur weil der indonesische Nationalsport, aufgrund der zurückhaltenden indonesischen Mentalität noch nicht einen solch hohen Bekanntheitsgrad wie einige andere Sportarten erreicht hat, muß man sich keine Sorgen über Ausrichtung oder Qualität machen. Denn wie das Sprichwort sagt, schlummert das Gute oft im Verborgenen.